Ohne den Ausbau der Fernwärme kann die Energiewende nicht gelingen

Autor/Redakteur: Anton Koller, President District Energy bei Danfoss/gg

Die Welt hat sich in den letzten Monaten sehr verändert und wenn sich die Wirtschaft wieder öffnet sollten wir nicht dahin zurückkehren, wo wir einmal waren. Stattdessen müssen wir die Wirtschaft nachhaltig wiederaufbauen und ökonomische Anreize mit einer Politik verbinden, die ernsthaft gegen den Klimawandel vorgeht. Um dem Klimawandel entgegenzuwirken ist ein Umdenken erforderlich – die Wirtschaft braucht einen grünen Neustart, der als Katalysator für nachhaltiges Wachstum sorgt. Die letzten Monate haben gezeigt, dass dieser Wandel möglich ist: Die Energienachfrage ist weltweit um 3,8 Prozent zurückgegangen und auch die CO2-Emissionen sind gesunken, da es infolge des Lockdowns in der Corona-Krise auf der ganzen Welt zu einem Stillstand kam. Nun müssen wir einen Neustart in der Wirtschaft forcieren und in energieefiziente Technologien investieren, um die Emissionen auf diese Weise weiterhin niedrig zu halten – denn dadurch können die Klimaziele erreicht werden.

Screenshot: DeinEnergieportal

Vor allem der Gebäudesektor spielt hier eine entscheidende Rolle: 33 Prozent der globalen Emissionen fallen auf Gebäude und neben Transport und Industrie ist dieser Sektor der größte einzelne Verursacher. In der Europäischen Union sind Heizung und Kühlung von Gebäuden für die Hälfte des Energieverbrauchs verantwortlich. 75 Prozent davon basieren noch immer auf fossilen Brennstoffen. Sollen Energiewende und ökologischer Wandel also gelingen, ist die energetische Sanierung von Gebäuden und die Dekarbonisierung unserer Heizungs- und Kühlanlagen unabdingbar. Denn dadurch kommen wir nicht nur der Erreichung der Klimaziele näher, sondern kurbeln gleichzeitig das Wirtschaftswachstum an. Der Schlüssel dazu ist die Umstellung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien sowie flächendeckende Nutzung von Fernwärme.

Energieeffizienz und Sektorkopplung sind die entscheidenden Faktoren

Die kosteneffizienteste, nachhaltigste und sicherste Energie ist die, die wir nicht benötigen. Durch Energieeffizienz können wir 44 Prozent und durch erneuerbare Energien 36 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen verringern, die erforderlich sind, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Bei der Verbesserung der Energieeffizienz wird die Energienachfrage reduziert und der verbleibende Energiebedarf auf die effizienteste Weise gedeckt. Deswegen kann dieselbe Menge an erneuerbarer Energie einen größeren Anteil des Endenergieverbrauchs ausmachen. Dadurch sinkt der Bedarf an zusätzlicher, teurer Energieinfrastruktur. In den kommenden Jahren müssen diese Synergien besser genutzt werden. Die Sektorkopplung ist hier entscheidend. Im Kern bedeutet Sektorkopplung die Verbindung der verschiedenen Teile des Energiesystems. Die Nutzung von Strom im Wärmesektor oder die Verbindung von Strom im Mobilitätssektor. Dieses Koppeln erlaubt es Energie zwischen den einzelnen Sektoren „hin und her zu schieben“. Dadurch gewinnen wir Effizienz und Flexibilität für das Gesamtsystem und reduzieren auch die Kosten, weil die Energie immer irgendwo verwendet werden kann. Das Abregeln von Windanlagen ist damit passé.

Ziel ist es, fossile Energien zu ersetzen. Daher sollte das Prinzip „Energy efficiency first“ das Rückgrat unserer Umstellung auf eine Welt mit kohlenstoffarmen Volkswirtschaften bilden. Es wird uns helfen, unser Energiesystem zu dekarbonisieren und Strom für die Elektrifizierung unserer Autos, Busse und Fähren freizusetzen, unsere Gebäude grün und unsere Städte, die ohnehin für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind, nachhaltig zu gestalten.

Damit dies gelingt, sind koordinierte Anstrengungen weltweit erforderlich, um die jährliche Verbesserung der Energieeffizienz um drei Prozent aufrechtzuerhalten – das gilt besonders für Europa. Sektorübergreifende Koalitionen wie die Energy Efficiency Global Alliance, auch Drei Prozent-Club genannt, unterstützen beispielsweise Länder und Städte bei der Entwicklung energieeffizienter Gebäude und sowie Fernwärme- und Fernkühlsysteme – für die Zukunftssicherung einer nachhaltigen Gesellschaft.  

Immer mehr Prozesse mit Elektrizität, statt mit fossilen Brennstoffen zu betreiben, ist für die Dekarbonisierung zwingend erforderlich. Fernwärme spielt hier eine zentrale Rolle. Sie ist nicht nur die effizienteste Art der Wärmeversorgung. Sie ist außerdem bestens geeignet um erneuerbare Energien wie Geothermie, Solarthermie aber auch grünen Strom in das Energiesystem zu integrieren. Damit ist sie ein zentraler Baustein für die Sektorkopplung.

Maximale Energieeinsparung durch Leanheat

Eine kürzlich von der Universität Aalborg veröffentlichte Studie zeigt, wie die europäischen Ziele der CO2-Reduzierung durch erneuerbare Energien und Sektorenkopplung erreicht werden können. Im europäischen Heizungsfahrplan der Studie wird gezeigt, dass der Anteil von Fernwärme von heute zwölf Prozent auf bis zu 50 Prozent im Jahr 2050 erhöht werden kann. Auf Basis dieses bedeutenden und bisher ungenutzten Potentials hat die Universität Aalborg einen Fahrplan aus fünf Schritten zur Dekarbonisierung Europas im Bereich von Heizung und Kühlung bis 2050 skizziert.