Der Speicher steht – in Regensburg entsteht das erste Mehrfamilien-Sonnenhaus

Ruhig schwebt der knapp fünf Meter hohe Stahltank durch die Luft, wird umsichtig und routiniert von dem Kranführer an seinen Aufstellort dirigiert und findet seinen Platz in dem Rohbau des ersten Mehrfamilien-Sonnenhauses in Regensburg. Der Wärmespeicher mit 9.400 Liter Fassungsvermögen ist das Herzstück des Gebäudes und wird künftig die Wärme von 40 Quadratmetern Solarkollektoren speichern. Das wird den Mietern des Neubaus im Stadtteil Kumpfmühl niedrige Heizkosten bescheren und der Umwelt viele klimaschädliche Emissionen ersparen. Denn dank des ausgeklügelten solaren Heizsystems kann etwa die Hälfte des Energiebedarfs für die Raumheizung und das Warmwasser solar gedeckt werden. Am Mittwoch, 13. November 2019, wurde der Wärmespeicher in der Nibelungenstraße aufgestellt. Um das Engagement der Baugemeinschaft zu würdigen, nahm Jürgen Huber, dritter Bürgermeister der Stadt Regensburg, an dem sogenannten Speichereinbringen teil.

Der knapp fünf Meter hohe Wärmespeicher, der hier über dem Rohbau schwebt, wird die Wärme von 40 Quadratmetern Solarkollektoren zwischenspeichern (Bild: Sonnenhaus-Institut)

„Ich begrüße es sehr, wenn wir uns alle zusammen den Klimaschutz auf die Fahnen schreiben. Das Sonnenhaus ist ein guter privater Beitrag dazu“, kommentiert Huber, Vorsitzender des städtischen Ausschusses für Umweltfragen, Natur- und Klimaschutz, das Bauvorhaben. Erst in diesem Sommer ist die Stadt Regensburg dem „Konvent der Bürgermeister für Energie und Klima“ beigetreten. Darüber hinaus arbeitet die Stadt daran, den 2013 und 2014 erstellen Energienutzungsplan umzusetzen und die Energiewende in den Bereichen Wärme, Strom und Verkehr voranzutreiben.

Mit Solarenergie CO2-Emissionen reduzieren

„Jede und jeder einzelne von uns ist gefordert, zum Klimaschutz beizutragen“, sagt auch Martin Bauer, der das Haus mit fünf Mietwohnungen zusammen mit seiner Tante Ursula Bauer errichtet. Der 50-Jährige nutzt seit vielen Jahren auf seinem Eigenheim eine Solarwärme- und eine Solarstromanlage. Deshalb war für ihn sofort klar, dass bei ihrem gemeinsamen Bauprojekt auch umweltfreundliche Solarenergie erzeugt werden soll. Über seinen Geschäftspartner Christian Piwonka lernte er das Sonnenhaus-Konzept kennen. Bei diesem Niedrigstenergiehaus decken große Solarwärme- oder Solarstromanlagen laut Definition des Sonnenhaus-Institut e.V. mindestens 50 Prozent des Heizenergiebedarfs. Dadurch werden deutlich weniger fossile Brennstoffe als bei konventionell beheizten Häusern verbraucht.

Das Energiekonzept gefiel Bauer und seiner Tante: „Wir sollten nicht mehr Ressourcen verbrauchen als unbedingt nötig“, meint er. „Und so haben auch unsere künftigen Mieter die Möglichkeit, klimaschonend zu heizen“. Dies ist gerade im Bereich Bauen und Wohnen dringend nötig.

Denn rund 32 Prozent des Endenergieverbrauchs in Deutschland entfallen auf die Wärmeversorgung von Gebäuden (27 Prozent Raumwärme, fünf Prozent Warmwasser). Und mit einem Anteil von 14,2 Prozent erneuerbaren Energien am Wärmeverbrauch (Stand 2018) hinkt die Energiewende im Wärmesektor der „Stromwende“ weit hinterher. Beim Strom werden schon knapp 43 Prozent regenerativ erzeugt.

In der Siedlung auf dem ehemaligen fürstlichen Hofgartengelände wird das Sonnenhaus kaum auffallen. Nur die Solarkollektoren, die auf dem Süddach und der Gaube installiert werden, deuten darauf hin, dass hier etwas anders ist. Über 2.000 solcher weitgehend solar beheizter Wohnhäuser und gewerblich genutzter Gebäude stehen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Regensburg gibt es noch kein Mehrfamilienhaus dieser Art. Das Sonnenhaus-Konzept wird durch den in Straubing ansässigen Sonnenhaus-Institut e.V. verbreitet und laufend weiterentwickelt. Die Lebensraum³ Planung und Bauprojekt GmbH, Baubetreuer in diesem Bauvorhaben, ist seit 2017 Mitglied in dem Kompetenznetzwerk für solares Bauen.

Entscheidung für Solarwärme

„Wir haben uns bewusst für Solarthermie und nicht für die zurzeit viel populärere Photovoltaik entschieden“, sagt Martin Bauer. „Wir hätten auch ein Sonnenhaus mit einer großen Photovoltaikanlage und einer solarstromgeregelten Wärmepumpe bauen können. Aber uns gefallen die direkte Wärmeerzeugung und der hohe Wirkungsgrad von Solarthermie-Anlagen. Außerdem sind wir so in der Wärmeversorgung unabhängig vom Stromnetz und steigenden Stromkosten.“

Die 40 Quadratmeter Solarkollektoren werden Heizenergie erzeugen, die, sofern sie nicht sofort verbraucht werden kann, in dem nun aufgestellten Solartank vorgehalten wird. Die Zwischenspeicherung ist über mehrere Wochen möglich, was in den Übergangszeiten von Vorteil sein wird. In den kalten und sonnenarmen Monaten November bis Januar heizt eine Brennwerttherme zu. Durch die Solarheizung fallen nur etwa 900 Euro brutto für Heizkosten beziehungsweise Erdgas pro Jahr für die fünf Wohnungen an.

Für das solare Heizkonzept ist eine gute Dämmung Voraussetzung. Bei diesem Haus mit KfW- Effizienzhaus-Standard 55 wird sie mit 42,5 Zentimeter dicken Wärmedämmziegeln erreicht. Außerdem ist das Gebäude nach Süden ausgerichtet, so dass die passive Solareinstrahlung durch die Fenster den Wärmebedarf reduziert. Die 45 Grad Dachneigung ist optimal für die Montage der Solarkollektoren. So trifft die dann tiefstehende Sonne im Winter senkrecht darauf und erzeugt viel Solarwärme.

Am späten Nachmittag war der Wärmespeicher aufgestellt und befestigt. Damit ist eine wichtige Etappe in dem Bauvorhaben erreicht. Nun wird fleißig weitergemauert, und wenn das Dach fertig ist, können die Solarkollektoren montiert werden. Wenn alles laut Plan läuft, wird das Mehrfamilienhaus Ende nächsten Jahres bezugsfertig sein.

Weitere Informationen: www.sonnenhaus-institut.de und www.lebensraumhoch3.de