Wo kommt der französische Ziegenkäse her? Ein Interview.

Die französische Ziegenmilchbranche ist sehr groß und ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind involviert. So ist es doch interessant mal genauer hinzuschauen, um die Beweggründe einzelner Personen zur Ziegenmilchproduktion zu verstehen. Lesen Sie hier unser Interview mit zwei Ziegenfans: Bertin Moret – 37 Jahre und Claire Piet – 36 Jahre – erzählen von ihren Konzepten, die auf Nachhaltigkeit und traditionellen Herstellungsmethoden beruhen.

Foto: Ferme de Bertin Moret

Nach seiner Karriere als Börsenhändler ist Bertin heute Ziegenzüchter und stellt gemeinsam mit seinem Cousin und seiner Cousine Ziegenkäse her. Jungbäuerin Claire hat in der Milchzucht ihren wahren Traumberuf gesucht und gefunden. Sie liefert ihre Milch an eine der größten Molkereigenossenschaften Frankreichs, deren Ziegenkäse in Deutschland erhältlich sind. Im Interview erzählen beide, wie sie den Alltag mit ihrer Familie auf dem Hof meistern, was sie persönlich antreibt und wo die Herausforderungen ihrer Arbeit liegen.

Wie seid ihr zu eurem Beruf gekommen?

Bertin: Unser Hof liegt in Tancrou, einem kleinen 300-Seelen-Dorf im Norden des Departements Seine-et-Marne, 70 km östlich von Paris. Den Ziegenbetrieb haben vor über 30 Jahren meine Eltern, mein Onkel und meine Tante als eine Art Diversifizierung ins Leben gerufen. Heute arbeite ich dort mit meinem Cousin und meiner Cousine zusammen, seitdem ich vor fünf Jahren zurück auf den Hof meiner Familie gekommen bin. Zuvor war ich in Rotterdam als Händler für Getreide tätig. Wir arbeiten nun schon in der sechsten Generation auf diesem Hof. 

Claire: Unser Hof liegt in der Nähe von Angers, im Departement Maine et Loire. Ich habe selbst keinen landwirtschaftlichen Hintergrund, aber mein Mann schon. Wir haben den Bauernhof übernommen, auf dem ich damals als Angestellte gearbeitet habe. Der Wunsch kam durch meine Großeltern, die Landwirte waren. Sie hatten Kühe und Hasen. Ich begeistere mich auch für Geschichte im Allgemeinen: die Geschichte Frankreichs, das Kulturerbe, die Geschichte der Landwirtschaft, alles, was dazu geführt hat, dass meine Großeltern Landwirte wurden. Und ich mag meine Wurzeln, meine Geschichte, die dazu geführt hat, dass jetzt wiederum ich heute Landwirtin bin. Alles ist miteinander verbunden. Dass die Landwirtschaft heute so ist, wie sie ist, liegt an ihrer Geschichte. Und wir können sie weiterschreiben!

Was macht euch dabei am meisten Spaß?

Bertin: Die Geburt der niedlichen Zicklein, die einen anspringen, sobald man in ihr Gehege kommt.

Claire: Kindern die Ziegenzucht näherbringen und ihnen die Geburt erklären, wenn sie eine Ziege beim Gebären sehen. Das ist einfach wunderbar! So ein Bauernhof ist einfach eine gute Schule fürs Leben. 

Was macht die Arbeit mit den Ziegen für euch so besonders?

Bertin: Die Ziege an sich als ein neugieriges, emotionales und gutmütiges Tier und natürlich auch die Zicklein. Ich mag es, wenn es lebhaft ist, wenn es auf dem Hof und dem Gelände wie in einem Bienenstock zugeht und alle beschäftigt sind. Darüber hinaus fühlt es sich gut an, von Anfang bis Ende an der Wertschöpfungskette beteiligt zu sein: wir produzieren das Heu, das wir unseren Ziegen geben, die wiederum Milch geben, aus der wir den Käse machen, den wir an unsere Kunden verkaufen.

Claire: Ich wollte schon immer einen naturnahen Beruf haben. Über diverse Praktika kam ich dann zur Tierzucht. Zu Beginn hatte ich immer die Schafzucht im Kopf, aber die gibt es so wenig in meiner Region, sodass ich mich schließlich anderen kleineren Milchtieren zugewandt habe: den Ziegen.

Worauf habt ihr euch im Betrieb spezialisiert?

Bertin: Auf einem renovierten, über 300 Jahre alten Bauernhof haben wir 200 Alpenziegen und brandneue Räumlichkeiten: eine Käserei für die Käseherstellung, einen Ziegenstall, ein Gehege für die Zicklein, einen Melkstand und einen Hofladen. Wir produzieren dabei die sogenannten “Fromages lactiques“, also klassische Ziegenkäse, die meistens nach ihrer Form benannt sind: Bûches (Baumstamm oder Ziegenrolle), Pyramides (Pyramide), Crottins, Tomettes (kleine Tomme), kleine Ziegenkäse „d’île de France“ (Form der Île de France), Faisselle (eine Art Frischkäse) und Joghurt. Bald stellen wir auch Tomme de Chèvre her. Zudem betreiben wir Ackerbau.

Claire: Wir halten 450 Alpenziegen und wir möchten in Zukunft auch gerne Weidewirtschaft betreiben. Nachdem wir den Melkstand 2018 in großen Bauarbeiten verbessert haben, werden wir im nächsten Schritt einen Auslauf bauen, aus dem die Ziegen nach draußen können.

Wie sieht euer Beitrag zur nachhaltigen Ziegenkäseherstellung aus?

Bertin: Wir verwerten zum Beispiel Molke durch die Biogasanlage, haben Solarzellen auf den Dächern unserer Gebäude, um mehr Energie zu erzeugen, als wir verbrauchen. Wir setzen Schilf ein, um das Abwasser zu filtern. Außerdem gibt es ein System zur Wärmerückgewinnung aus dem Kühlaggregat der Käserei, um so das Wasser für die Sanitäranlagen zu erwärmen. Es gibt auch einen Milchvorkühler, um Energie zu sparen. Mit diesen modernen Techniken wollen wir unter bestmöglichen Bedingungen arbeiten, den Betrieb dauerhaft sichern und nachhaltigere Praktiken im Hinblick auf die Umwelt anwenden.

Claire: Mit unseren Solarzellen und Windkraftanlagen auf unserem Land produzieren wir erneuerbare Energien. Mit falschem Saatbeet (eine Technik, mit der sich Unkräuter schon vor der Aussaat zum Keimen anregen lassen) und durch Auflockern des Bodens versuchen wir Unkrautvernichtungsmittel so gut wie möglich zu vermeiden. Außerdem bin ich im Rat der Gemeinde Chemillé in Anjou engagiert. Seit 2020 übernehme ich dort vermehrt Verantwortung. Ich bin Mitglied des Kommunikationsausschusses, der hauptsächlich für die Gemeindemagazine zuständig ist.

Welche Visionen und Wünsche habt ihr für Ziegenkäse aus Frankreich?

Bertin: Ich fordere die Menschen auf, selbst auf die Bauernhöfe zu gehen und mit den Landwirten zu sprechen, um wirklich zu sehen und verstehen zu können, wie es dort abläuft. Wir teilen gerne unsere Leidenschaft, wenn man bereit ist, uns zuzuhören.

Claire: Als der Kodex zur Haltung der Ziegen in Frankreich 2005 vom Verband ANICAP eingeführt wurde, hatten wir diese Maßnahmen bereits bei uns umgesetzt. Der Beitritt war für uns daher eine Selbstverständlichkeit. Dadurch können wir die Maßnahmen in den Vordergrund stellen, die wir eh schon machen, wie zum Beispiel für die Gesundheit der Tiere, ihre Ernährung, ihr Wohlbefinden, die Umwelt. 2021 wurde der Kodex nochmals mit neuen Maßnahmen erweitert, die die Umweltauswirkungen und den Lebensraum der Ziegen betreffen. Wir werden immer ein offenes Ohr für die Erwartungen der Verbraucher haben.

Und wie verbringt ihr am liebsten eure freie Zeit?

Bertin: Die Arbeit nimmt mich ziemlich ein, also verbringe ich die wenige freie Zeit, die ich habe, mit meiner Familie, vor allem mit unseren beiden kleinen Kindern.

Claire: Spazieren gehen und die Landschaft und seine Veränderung mit den Jahreszeiten bewundern. Einfach der Natur zuhören! In meiner Freizeit nehme ich auch an Malkursen teil. Und ich liebe die Gartenarbeit.

Herzlichen Dank für das Interview!  

Foto: Ziegenkäse aus Frankreich