Interview mit Dr. Tim Meyer, Geschäftsführer der Grünstromwerk GmbH, zum Thema „Energiepolitik der großen Koalition“

Wir haben ein Interview mit Dr. Tim Meyer, Geschäftsführer der Grünstromwerk GmbH, zum Thema „Energiepolitik der großen Koalition“ geführt.

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DeinEnergieportal: „Die neue Bundesregierung scheint einen Kurswechsel bei der Energiepolitik zu planen. Zumindest geben die letzten Vorschläge des Energie- beziehungsweise Wirtschaftsministers Gabriel einen Hinweis in diese Richtung. Welche konkreten Entwicklungen erwarten Sie für die nächsten Monate?“

Meyer: „Das Eckpunktepapier des Wirtschaftsministers lässt tatsächlich einen Kurswechsel befürchten. Es bietet keinerlei Vision für die Energiewende sondern steht unter der alleinigen Überschrift der Kostensenkung. Und diese wird vom Papier nicht einmal geliefert. Vielmehr würden die starke Belastung von PV-Eigenverbrauch, die Umstellung auf Ausschreibungsmodelle für PV-Freiflächenanlagen und allen voran die stärkere Konzentration auf off-shore Windkraft die Kosten der Energiewende in die Höhe treiben. Die stärkere Beteiligung der großen Gewerbe- und Industriekunden an der EEG-Umlage ist hingegen ein sinnvoller und wichtiger Schritt.“

DeinEnergieportal: „Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf Ihr Geschäft vermutlich haben?“

Meyer: „Grünstromwerk setzt für seine Kunden neue Geschäfts- und Vermarktungsmodelle für Solarstrom um. Dabei bieten wir einerseits PV-Mieterstrommodelle, bei denen Strom aus PV-Dachanlagen an Mieter in einem Gebäude verkauft wird. Hier kann es nach dem Eckpunktepapier zu weiteren Belastungen kommen, die das Wachstum dieses hoch attraktiven Marktsegmentes verlangsamen würden. Andererseits setzen wir regionale, solare Stromtarife für Endkunden um, oft gemeinsam mit Energiegenossenschaften. Über die Belieferung von Endkunden mit Strom können wir PV-Freiflächenanlagen in die Wirtschaftlichkeit bringen, die sich rein auf Basis der heute sehr niedrigen EEG-Vergütungssätze nicht mehr rechnen. Würden jedoch wie im Eckpunktepapier vorgesehen die Vergütungssätze für Freiflächenanlagen vollständig gestrichen, müsste das Modell auch die Finanzierbarkeit der Anlagen gewährleisten. Die höheren Finanzierungsrisiken müssten eingepreist werden, die Kosten der Energiewende würden steigen.“

DeinEnergieportal: „Welches Vorgehen für die Zukunft halten Sie persönlich für am sinnvollsten?“

Meyer: „Ich würde mir wünschen, dass eine große Reform des Energiewirtschaftsgesetzes gemeinsam mit anderen relevanten Gesetzen und Verordnungen wie dem EEG, der Netznutzungsentgeltverordnung etc. angepackt wird. Die reine Betrachtung des EEG, so wie sie derzeit stattfindet, greift viel zu kurz. Wir brauchen ein grundsätzlich neues Strommarktdesign, das eine Reihe weitreichender Fragen beantworten muss: Wie soll eine Balance aus zentralen und dezentralen Strukturen hergestellt werden? Wie sollen die erneuerbaren Energien dynamisch ausgebaut und gleichzeitig zunehmend in den Markt integriert werden? Wie werden Anreize gesetzt, Verbrauch tatsächlich netz- und angebotskonform zu steuern? Wie wird eine breite Beteiligungsmöglichkeit der Menschen hergestellt, Stichwort Bürgerenergiewende?“

DeinEnergieportal: „Welche Konsequenzen werden sich Ihrer Meinung nach sonst noch aus der Energiepolitik der Bundesregierung ergeben?“

Meyer: „Wenn Herr Gabriel seine Pläne nicht anpasst, wird in Deutschland die dezentrale Bürgerenergiewende nur noch sehr gebremst stattfinden. Großunternehmen und Konzerne würden gewinnen, und zwar auf Kosten des Mittelstandes. Die Energiewende würde teurer werden. Ich hoffe, dass der Wirtschaftsminister im laufenden Verhandlungsprozess erkennt, wie viel weiter die erneuerbaren Energien, die treibenden Unternehmen und Menschen bereits sind. Und dass regionale und dezentrale Lösungen große Chancen bieten: Senkung von Netzkosten, Möglichkeit zur Bürgerbeteiligung, regionale Wertschöpfung und Kundenbindung etc. Wir integrieren heute schon Solarstrom für zirka zehn Cent pro kWh anteilig in wettbewerbsfähige Ökostromprodukte!“

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